Markus Pernthaler: Qualit├Ąt und Ethik

Ordnungsfetischisten, Kontrollfreaks und Liebhaber von Vereinfachungen und Verkürzungen haben es leichter. Unsere individuellen Lebensweisen, Arbeitsbedingungen und Produktionsprozesse werden in zunehmendem Maße reglementiert oder verordnet. Von Partikularinteressen geleitete Parlamentarier, durch Lobbyisten getriebene Normenausschüsse und gewählte Mandatare, die vor der ihnen übertragenen Verantwortung erschaudern, weben ein immer dichteres Netz von Gesetzen, Verordnungen und Normen. Dies gilt für alle Lebensbereiche, insbesondere aber auch für das Bauen.

Es soll hier nicht die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit von legislativer Planung und deren

Durchsetzung in Frage gestellt, sondern an Hand von drei Beispielen aus dem Wirkungsbereich des Architekten das Wechselspiel von Regelwerk, Kontrolle und Verantwortung aufskizziert werden.

 

Raumplanung und Städtebau stehen nicht an oberster Stelle der politischen Agenda; die Botschaften sind unerfreulich, Wahlen damit nicht zu gewinnen. Wenn man durch die Steiermark fährt oder besser aus der Flugzeugperspektive einen Überblick gewinnt, offenbart sich das ganze Desaster raumplanerischer Fehlentwicklungen. Die Zersiedelung der Landschaft ist flächendeckend und die Zerstörung von Naturräumen oder wertvollen Agrarflächen bis in die letzten Winkel des Landes fortgeschritten. Der Traum vom Einfamilienhaus in bester Lage ist erfüllt, die Genehmigung für die Gewerbeimmobilie im Überschwemmungsgebiet erteilt und das nächste Einkaufszentrum auf der grünen Wiese feierlich eröffnet. Diese Situation ist nicht etwa auf das Fehlen von steuerungspolitischen Instrumentarien zurückzuführen und auch nicht nur auf die Ignoranz vielfach überforderter Entscheidungsträger oder das Versagen der zuständigen Kontrollbehörden. Das Problem liegt vielmehr in der Struktur der Verantwortlichkeiten und insbesondere in der Verlagerung dieser auf die kleinsten Verwaltungseinheiten. Dorthin, wo individuelle Interessen am ehesten durchsetzbar sind und die Gesamtschau oder das Abschätzen großmaßstäblicher Konsequenzen keine Rolle spielen. Das Ergebnis sind weithin sichtbarer Wildwuchs, Doppel- und Mehrgleisigkeiten und ein mangels Abstimmungsbereitschaft zwischen den einzelnen Kommunen unverhältnismäßig großer Verbrauch natürlicher Ressourcen. Diese durch Partikularinteressen, fehlende Koordination und unzureichende Kontrolle induzierte Entwicklung hat besorgniserregende Folgen.

Die flächendeckenden und engmaschigen Infrastrukturen für Straßen, Wasser und Abwässer sowie für Energie und Telekommunikationssysteme belasten die Budgets der Kommunen in zunehmenden Maße. Fehlende Perspektiven für die Jugend in ausgedünnten Siedlungsstrukturen ohne ausreichende Arbeitsplätze und Bevölkerungsschwund in weiten Regionen verschärfen die Situation. Die damit einhergehende Überalterung der Restbevölkerung wird in Zukunft soziale und kostenintensive Infrastrukturen erfordern, die in Form mobiler Dienste die Grundversorgung und Pflege sicher stellen müssen. Neben der ungeklärten Frage, woher das dafür nötige Personal kommt, werden die zu dieser Versorgung notwendigen langen Verkehrswege die Ökobilanzen weiter verschlechtern. 

Obwohl langsam unter dem Diktat der knapper werdenden finanziellen Mittel ein Umdenken eingesetzt hat, werden die Sünden der Vergangenheit nur schwer zu bereinigen sein.

Was vermutlich bleibt, ist der geordnete Rückzug, nicht kurz- aber mittelfristig sowie die Stärkung überlebensfähiger Klein- und Kleinststrukturen, die im besten Falle auf einem historisch gewachsenem Fundament die Grundbedürfnisse der Menschen wie Wohnen, Arbeiten und Freizeit wieder räumlich kompakt und damit ökonomisch bedienen können. Intelligente Verdichtungsstrategien sind gleichermaßen Chance und Bedingung, um sowohl im ländlichen Raum als auch in städtischen Ballungszentren soziale, ökonomische und ökologische Notwendigkeiten auszubalancieren.   

 

 

Das Berufsbild des Architekten hat sich mit der politischen Neuformierung Europas stark verändert.

Aus der exklusiven Arbeitsbeziehung Bauherr Architekt hat sich eine vielschichtige Organisationsform mit vielen neuen Mitspielern entwickelt. Begleitende Kontrolle, Projektmanagement, Projektsteuerung, Projektleiter, Rechnungshöfe und beigezogene Gutachter erleichtern oder erschweren je nach fachlicher Qualifikation und Kompetenz den Ablauf komplexer Bauprozesse. Das früher notwendige Vertrauen auf den Konsens über ein gemeinsam formuliertes planerisches Ziel wird zunehmend ersetzt durch das Vertrauen auf formalisierte Entscheidungsabläufe.

Diese Entwicklung führt, bedingt durch die synchronisierten Interessenslagen der ausschließlich auf Kontrolle programmierten Mitspieler zu einer Fokussierung und gleichzeitig Einengung auf Teilaspekte des Bauens; im konkreten auf Investitionskosten und Bauzeitpläne. Nachhaltige Betrachtungsweisen wie beispielsweise die Berücksichtigung der viel wichtigeren Lebenszykluskosten oder des Mehrwertes von guter Architektur geraten zur Nebensache. Die Wertschätzung gilt nicht mehr dem kreativen und produktiven Teil der Arbeit, sondern dessen Administrierung und Verwaltung. Berge von Protokollen, Aktenvermerken und Exceltabellen sind die Folge. Die Zeit für inhaltliche Auseinandersetzungen wird dadurch verknappt, die Frage nach der Sinnhaftigkeit einzelner Planungsschritte nicht mehr gestellt. Es liegt zudem im Wesen der Funktionsweise dieser Kontrolle, dass Fehlentwicklungen wie Kostenüberschreitungen nicht aktiv gesteuert, sondern diese vielmehr nur dokumentiert werden, und das in der Regel zu spät vor Abschluss eines Projektes. Festzuhalten ist darüber hinaus auch, dass früher wie heute ausschließlich der Architekt die Grundlagen für alle Beurteilungen und Berechnungen liefert; von der Qualität seiner Arbeit hängen Erfolg oder Misserfolg aller Beteiligten ab. Eine weitere  Begleiterscheinung ist, dass durch die Aufsplitterung der Kompetenzen Verantwortung nicht mehr wahrgenommen, sondern nurmehr delegiert wird.

Formal korrekt zu sein ist die Devise! 

Kontrolle ist wichtig, darf aber nicht zum Selbstzweck mutieren. Und im Zuge der Frage nach der Berechtigung dieses Systems und der damit verbundenen, nicht unbeträchtlichen Kosten stellt sich natürlich auch jene nach der Effizienz, wie es beispielsweise die (Kontroll-)Vorgänge beim neuen Terminalgebäude am Flughafen in Wien sehr anschaulich nahe legen.

 

 

Die Kernkompetenz des Architekten liegt im Entwurf, das heißt in der Ausarbeitung von inhaltlichen, konstruktiven und gestalterischen Lösungen unter dem Diktat variabler Planungsparameter. Der Architektenwettbewerb ist ein wichtiges Instrument für die Ausarbeitung optimaler Lösungen und liefert einen wesentlichen Beitrag zur Qualitätssicherung bei öffentlichen und privaten Bauvorhaben. Der zeitliche und finanzielle Aufwand der Architektenschaft dafür ist enorm, die Forderung nach fairen Rahmenbedingungen und Wertschätzung dieses Einsatzes notwendig.

Während am Beginn der mittlerweile jahrzehntelangen Praxis dieser Verfahren der Ideenwettbewerb stand, werden die Vorgaben heute immer strikter formuliert und die Handlungs- und Gestaltungsspielräume immer weiter eingeschränkt. Wurden bei früheren Wettbewerben alternative Vorschläge noch gewürdigt und im besten Falle sogar ausgezeichnet, wird ein Abweichen von Vorgaben heutzutage mit dem Ausschluss aus dem Verfahren exekutiert. Dies ist bedauerlich und führt zu einer Nivellierung, die dem Geist einer freien Ideenfindung widerspricht. Darüber hinaus wird durch die immer häufigere Reduzierung der Aufgabe auf eine bloß gestalterische Umsetzung vorgegebener Programme ohne Reflexion eine kritische und eigenständige Auseinandersetzung und Befassung mit dem eigentlichen Inhalt einer Aufgabe erschwert wenn nicht verhindert. Das Wesen von innovativer und kreativer Arbeit bedingt intellektuelle Freiräume und nicht deren Begrenzung.

Auch im Jurywesen zeichnet sich eine unbefriedigende, aber fortschreitende Verrechtlichung und Formalisierung der Entscheidungsprozesse ab. Wo präzise Formulierungen nötig sind und vielschichtige Gedankengänge aufgespürt, wo Argumente auf der Grundlage von Logik und Kausalität abgewogen werden müssen, stellen Punktebewertungssysteme ein unzureichendes Mittel dar, das in der Bewertung zu spekulativem Verhalten verleiten und in manchen Fällen zu Ergebnissen führt, die zwar arithmetisch korrekt sind, aber sachlich nicht die tatsächlichen Entscheidungsprozesse abbilden. Bei allem Verständnis für die rechtliche Absicherung von Ergebnissen kann der nötige qualitative Diskurs und die zwar mühseligere, aber unverzichtbare verbale und argumentationsgestützte Bewertung nicht durch statistische Auswertungssysteme ersetzt werden. Darüber hinaus wird durch die in zunehmendem Maße erforderlichen Referenzen für die Teilnahme an komplexeren Verfahren ein großer Teil der jüngeren Kollegenschaft ausgeschlossen. Diese Entwicklung führt nicht nur zu einer Verengung der Teilnehmerkreise, sondern bedeutet auch den Verzicht auf das kreative Potential junger Architekten. Da für diese ein wichtiges Betätigungsfeld, nämlich sich im Wettbewerb zu messen, fehlt, stellt sich zudem die Frage, wie in Zukunft für schwierige Bauaufgaben qualifizierter Nachwuchs entstehen soll.

 

Veröffentlicht in:

Richard Kriesche (Hrsg.), politicum 112: Kulturvisionen, Graz 2011

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